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Au-Pair auf Jersey – Melissas Essay zum Auslandsaufenthalt

Wir bei Kulturist haben uns natürlich sehr gefreut, dass die Wahl auf eine unserer Kandidatinnen gefallen ist. Hier nun der Essay über Ihre Zeit als Au-Pair im Ausland, welchen sie zum Wettbewerb eingereicht hatte:

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Jersey - wo ist das denn überhaupt? Dies war so ziemlich das Erste, was mir in den Kopf kam, als ich mit Giulia von der Partneragentur in London sprach. Doch Alles, was sie mir von Jersey und meiner später zukünftigen Gastfamilie erzählte, klang einfach perfekt!

Für alle, die es nicht wissen: Jersey ist die Größte der fünf Kanalinseln (Jersey, Guernsey, Alderney, Sark und Herm) und beherbergt circa 100 800 Einwohner.

Weniger als in meiner Heimatstadt Augsburg! Zieht man aber die Fläche Jerseys in Betracht, 119,6 qm, erklärt sich das von selbst. Denn wenn man sich vor die Augen führt, dass die Ost-West Erstreckung Jerseys keine 15 km sind und es nur ca. 9 km von Nord nach Süd sind, ist das Ganze schon besser vorstellbar. Nun, als ich dann einen Blick auf die Landkarte, oder besser Google Maps warf, stellte sich mir die nächste Frage: Jersey ist ja von Großbritannien weiter entfernt als von Frankreich! Und doch wird dort Englisch gesprochen? Die Kanalinseln liegen im Ärmelkanal zwischen Frankreich und Großbritannien und auch wenn beispielsweise die zahlreichen französischen Straßennamen einen Hinweis auf die ursprüngliche Zugehörigkeit zur Normandie geben, spürt man dies im Alltag so gut wie gar nicht.

Nun aber zurück zum Wesentlichen: Das Besondere an meiner Gastfamilie ist, dass meine Gasteltern, Sarah und Eddie, geschieden sind. Das war auch so ziemlich das Erste, was in unserem Skype Gespräch thematisiert wurde. Ich erinnere mich noch sehr gut an mein erstes Gespräch mit Sarah. Sie und Eddie sind zwar geschieden, aber sie haben immer noch ein freundschaftliches Verhältnis und das hat sie auch ausdrücklich betont.

Wäre dem nicht so, würde der Alltag der Kinder und somit auch meiner ganz anders aussehen. Jenna und Max, 10 und 6 Jahre alt, wohnen nämlich jeweils 3 ½ Tage in der Woche bei Sarah und 3 ½ Tage bei Eddie. Das hieß für mich: viel Autofahren, die Schuluniformen immer fertig gewaschen und gebügelt im richtigen Haus haben und in zwei verschiedenen Küchen Abendessen kochen.

Dadurch, dass ich über Nacht aber immer in Sarahs Haus war, hatte ich von Anfang an kein Problem damit. Klar kam es mal vor, dass ich ein Teil der Uniformenvergessen hatte oder die Kinder etwas im anderen Haus vergessen hatten und ich es dann holen musste, was schon manchmal nerven konnte, aber Alles in Allem war ich sehr glücklich mit der Situation und vor allem mit dem guten Verhältnis zwischen Sarah und Eddie.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass kein Au-Pair jemals sagen kann, es sei mit den Kindern immer super zurechtgekommen und es gab nie Probleme oder Streit. Denn gerade wenn die Kinder auf jemanden hören müssen, der von außerhalb der Familie kommt und auf einmal bestimmt, was zu tun ist, wird am Anfang natürlich erst einmal getestet. Ein sehr beliebtes Streitthema sind die Hausaufgaben, die nicht gemacht werden wollen. Oder der Schrank mit den Süßigkeiten, der sich wie von Geisterhand leert, ohne dass jemand etwas davon genommen hat. Schnell habe ich auch gemerkt, dass solche Regeln wie „Man steht erst auf, wenn der letzte am Tisch fertig gegessen hat“ und „Was auf den Tisch kommt, das wird auch gegessen“ nicht von Bedeutung sind. Entweder man gewöhnt sich daran, dass man oft nicht in Ruhe aufessen kann oder man versucht, den Kindern die eigenen Sitten beizubringen. Das funktioniert aber nur, wenn die Eltern dabei auch mitspielen. Falls nicht, hier mein Rat: Gewöhnt euch daran, es sind ja nicht eure eigenen Kinder! So böse das jetzt klingt, man muss eine Balance finden zwischen Anpassen und Beeinflussen. Denn nur so wird man wie ich ein glückliches Au-Pair in einer fast perfekten Familie.

Obwohl ich anfangs etwas besorgt war, dass ich mich auf dieser relativ kleinen Insel langweilen würde, kann ich mir nun keinen besseren Ort für meine Zeit als Au-Pair vorstellen. Jerseys Landschaft ist einfach atemberaubend: Flach im Süden, wo ich lebte (3 Minuten Fußweg zum Strand) und felsig im Norden. Viele Menschen in Jersey sind sehr wohlhabend (der Finanzsektor ist der wichtigste Wirtschaftszweig auf der Insel), was man auch an den vielen riesigen Häusern und Farmen erkennen kann. Ständig entdeckte ich neue magische Orte und beim Autofahren erfreute ich mich immer wieder an wunderschönen Alleen und von Blumen umsäumten engen Straßen. Wenn ich sage „engen Straßen“, dann meine ich so eng, dass oft keine zwei Autos nebeneinander passen. Es war ja am Anfang schon schlimm genug, auf der linken anstatt der rechten Seite zu fahren (und zu sitzen und zu schalten). Daran gewöhnte ich mich aber erstaunlich schnell. Außerdem muss man noch dazu sagen, dass Jerseys Autofahrer sehr höflich und rücksichtsvoll fahren. Nur zu gerne wird man aus einer Einfahrt in die Straße hereingelassen oder in der „rush hour“ hereingewinkt. Klar, dass man sich höflich mit „cheers“ in Form von einem freundlichen Nicken oder Handhaben bedankt. Mehr Schwierigkeiten bereitete es mir, meine Orientierung in den im Gegensatz zu Deutschland so unübersichtlichen Straßenverläufen zu finden und meinen Ford in viel zu enge Parklücken zu zwängen. Mein lieb gewonnener Ford musste deshalb auch ein paar Kratzereinstecken. Genauso musste einmal der Gartenzaun unter meinen tollen Fahrkünsten leiden. Aber auch das hat meine tolle Familie nicht verärgert. Wenn ich auf die vergangenen Monate zurückblicke, kann ich nur sagen: So unsicher wie ich beim Autofahren bei meiner Ankunft war, desto sicherer bin ich nun geworden. Nichts bringt mich mehr aus der Ruhe, sogar als mich die Polizei gestoppt hat und auf meine abgelaufene Versicherungsplakette hingewiesen hat, hatte ich die Ruhe weg!

Auf jeden Fall hat das halbe Jahr in Jersey meine Persönlichkeit maßgeblich geformt. Dadurch, dass man am Anfang noch keine Freunde hat und dadurch gezwungen ist, auf andere Menschen zuzugehen und sie anzusprechen, gewinnt man viel an Selbstvertrauen. Einen großen Teil meiner Freunde habe ich beim Tanzen kennen gelernt, dreimal in der Woche gibt es hier „social nights“, man trifft sich in einer Bar und es wird lateinamerikanisch getanzt. Am Anfang war ich noch etwas unsicher, weil ich kaum jemanden kannte und auch kaum tanzen konnte, nun ist das Tanzen inklusive all der tollen Menschen, die ich dort kennen gelernt habe, eines der Dinge, die ich am meisten vermissen werde. An dieser Stelle kann ich nur jedes zukünftige Au-Pair ermutigen, die Initiative zu ergreifen und auch mal alleine wo hinzugehen, ohne Freunde. Ihr werdet euch wundern, mit wie vielen Freunden ihr am Schluss wieder herauskommt! Diese Erkenntnis hilft mir auch viel im Hinblick auf den nächsten Schritt in meinem Leben, das Studieren! Davor, in eine fremde Stadt zu ziehen und sich einen neuen Freundeskreis aufzubauen, habe ich nun überhaupt keine Angst mehr!

Sehr interessant ist es auch für mich selbst gewesen, den Alltag meiner Gasteltern mit Kindern als (teilweise) alleinerziehend mit zu erleben. Das ist alles andere als einfach und ich war froh, meine in Vollzeit beschäftigten Gasteltern unterstützen zu können. Von den „school runs“ bis hin zu Wäsche und Hausputz habe ich alles prima allein gemeistert. Nur das eben dies meine Arbeit war. Kaum vorzustellen, wie man das alles alleine schaffen soll, wenn man auch noch in Vollzeit arbeitet! Nachdem ich mich den Tag über um die täglichen Pflichten wie Hausaufgaben und Abendessen für die Kinder gekümmert habe, war es abends Zeit für gemütliches Beisammensein mit Mama oder Papa. Meistens bin ich abends entweder zum Tanzen gegangen oder habe mich mit meinen Freunden getroffen, ob wir nun einen Filmabend gemacht haben, zum Essen gegangen sind oder einfach nur Beisammen waren zum Reden. Auf jeden Fall hat mir das Austauschen von Erfahrungen und Ratschlägen mit anderen Au-Pairs viel geholfen, mit einigen von ihnen werde ich hoffentlich noch lange befreundet bleiben! Das Besondere an der Freundschaft mit Au-Pairs ist, dass alle in etwa der gleichen Situation sind und man miteinander wächst. Wir alle haben uns in dieser besonderen Zeit zusammen weiterentwickelt und sind viel selbstständiger geworden! Ein ganz besonderes Highlight war ein Tagesausflug mit meinen zwei besten Freundinnen nach Frankreich, ins wunderschöne St. Malo. Mit der Fähre in noch nicht einmal 90 Minuten zu erreichen haben wir dort einen unvergesslichen Tag verbracht! Nicht aber, dass es nötig gewesen wäre, nach Frankreich zu fahren: Dafür, dass Jersey eine kleine Insel ist, wird den Menschen hier sehr viel geboten: Gerade im Sommer haben wir oft die Möglichkeit gehabt, Festivals zu besuchen, ins Open-Air Kino zu gehen, Konzerte zu besuchen und auch in Sachen Wassersport ist Jersey ein wahres Paradies!

Nach all diesen tollen Erfahrungen fühle ich mich von innen heraus gestärkt, ich bin bereit, mein Leben selbst zu organisieren und durch die gewonnene Offenheit meine nächsten Ziele zu erreichen.

Melissa entspannt sich am Wasser

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Vielen Dank dafür, dass Sie sich am Wettbewerb beteiligt haben, Melissa! An dieser Stelle auch nochmals unsere Glückwünsche und natürlich alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg! Wir sind sehr froh darüber, dass wir dazu beitragen konnten, Ihnen diesen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen.

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